Alfred Polansky
Foto: Anna Hoffmann

Literatur

Die Zeit der Lilie

Venedig. Durch zwei Musikinstrumente geheimnisvoller Herkunft aus dem Nachlass ihres Mannes macht Carla Ruggieri eine verwirrende, jedoch entschieden initiierende Reise durch ihre fernen Erinnerungen. Morde, Intrigen und Mysterien begleiten daraufhin ihren Alltag, welcher sie unbeirrt zu einer überraschenden, metaphysischen Wende führt. 

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Lorettas Traum

Bologna. Ins Haus des begabten, jedoch erfolglosen Schriftstellers Vittorio Baffi zieht eines Tages die schöne, junge Loretta ein. Bald schon kommt es so, wie es kommen musste, sie verlieben sich ineinander, jedoch umgibt beide ein seltsames Geheimnis, das schließlich, nach etlichen bestandenen Abenteuern, zu einem dramatischen Finale führt.

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 Für Freunde und Feinde

Die Geschichten und Persönlichkeiten, in die uns Polansky ver-führt und ent-führt, stellen einerseits einen Ausflug in eine längst verloren geglaubte Welt von Männern, die sich bei genauerer Betrachtung als Freigeister entpuppen, von Freundschaften, die man in dieser Qualität für die heutige Form der Existenz als unmöglich erachtet hätte, dar, andererseits gewähren uns diese Geschichten einen Einblick in das Leben bedeutender österreichischer Intellektueller, deren Namen jeder kennt, deren Werke man auch kennt, aber deren hier gezeigte Seiten, ein völlig neues Licht auf dieses Stück Zeithistorie werfen. (Anna-Maria Hirtenfelder)

Rezension von Anna-Maria Hirtenfelder als PDF (inkl. Leseproben)

Buch bitte beim Autor direkt bestellen: avantart@live.at

Leseprobe:

DIE BESUCHER von Alfred Polansky

Es war ein stiller, friedlicher Herbsttag, der sich damals beschaulich seinem Ende zuneigte. Ich saß entspannt auf einem Stuhl in meiner Stadtwohnung und las in dem altehrwürdigen Kochbuch von Rumohr das Kapitel ‚Von gesottenen Füllungen’. Das Fenster war geöffnet, um die melancholische Stimmung, die an jenem Abend der stille Sonnenuntergang in mir auszulösen vermochte, noch inniger und noch durchdringender als die vielen Male zuvor, zu empfinden. Ich ließ die anregenden Ausführungen des soeben Gelesenen mit dem betörenden Zwielicht, wie es sich meinem Blick durchs Fenster fragmentarisch offenbarte, tief in mir selbstvergessen vereinen, als der Rabe kam. Er flog durch meine sanfte Verträumtheit, die er damit jäh beendete, landete zwanglos auf der Rückenlehne eines Holzsessels, keine zwei Schritte von mir entfernt, schüttelte sich heftig, als wolle er das Draußen loswerden, sah endlich auf und sagte: „Hallo!“
Völlig verwundert blickte ich dieses fremde schwarze Wesen, das sich so freimütig zu mir gesellte, an. Ich brachte keinen Ton hervor. Auch der Rabe sah mich an.
„War ich zu leise? Bei euch grüßt man doch, wenn man gegrüßt wird, oderetwa nicht? Ist ja lediglich eine bedeutungslose Konvention, wie Sie selber wissen werden. Dient wohl der Entspannung!“
Während er dies sagte, inspizierte er mit skeptischem Blick das Zimmer. Meinem trockenen Mund entkam ängstlich ein kehliges „Hallo?“
Der Rabe nickte. „Könnten Sie mir etwas zu trinken geben, ich bin ziemlich ausgedörrt! Wasser reicht!“
Langsam gewann ich wieder die Fassung zurück. Auch ich nickte und ging in die Küche. Gierig sog ich an der Wodkaflasche, die ich mit zittrigen Händen dem Eisfach entrissen hatte. Einmal, zweimal, dreimal. Um mich herum drehte sich plötzlich alles wie wild! Was war denn um Himmels Willen da draußen los? Ein sprechender Rabe, eloquent, scheinbar intellektuell und mit einem Hauch von Zynismus behaftet! Ein vierter Schluck aus der Flasche beruhigte mich dann ein wenig.
In einer Schale brachte ich ihm das Wasser. Er schien zufrieden.
„Ich hab’ noch etwas Reisfleisch von gestern über“, hörte ich mich sagen, und fügte verunsichert hinzu, „wenn Sie wollen.“
Der Rabe blickte auf. „Mit Paprika? Ungarisch? Sähr gärnä!“
Ich musste unwillkürlich lachen. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. „Waren Sie schon einmal in Ungarn?“ fragte ich.
„Nein“, sagte der Rabe, „leider. Ein bedauerliches Versäumnis, dem ich sicherlich bald begegnen werde!“ Nach einer theatralischen Pause fuhr er dann besonnen fort. „Das Reisfleisch muss nicht sehr heiß sein, ich würde es, ehrlich gesagt, eigentlich lieber lauwarm bevorzugen, wenn Sie so freundlich wären!“
Ich begriff die Anregung, begab mich erneut in die Küche, und während ich die Speise sensibel nach den Wünschen meines rätselhaften Gastes aufwärmte, gönnte ich mir den letzten Schluck Wodka aus der Pulle. Was für ein Tag, was für eine Geschichte! Und keiner würde sie mir glauben! Niemand! Alle würden sie tadelnd auf die leere Wodkaflasche verweisen!
„Ah, Sie sind sehr liebenswürdig“, sagte der Rabe erfreut, als ich ihm endlich das ersehnte Reisfleisch kredenzte. Nachdem er den lauen Imbiss wortlos verzehrt hatte, rülpste er tatsächlich ganz zart, hielt sich sofort einen Flügel vor den Schnabel und sagte dann leicht verlegen: „Pardon, die Natur!“ Er bedankte sich höflich für das Essen und die Gastfreundschaft, und als ich ihm abschließend noch ein Gläschen Rotwein samt Zigarre offerierte, als großes kulinarisches Finale sozusagen, lehnte er natürlich nicht ab. Man konnte sich während der ganzen Zeit des Eindruckes nicht erwehren, einen durchaus kultivierten Gourmet vor sich zu haben.
„Dürfte jetzt der Bussard auch reinkommen? Er sitzt schon die ganze Zeit draußen und traut sich nicht, wissen Sie?“ Der Rabe saß da und sah mich fragend an. „Weil die Großen oft sehr sensible, schüchterne Seelen haben“, fügte er rasch noch hinzu, als er meinen fahrigen Blick bemerkte.
„Der Bussard“, sagte ich und hüstelte, „der soll, äh, ja, der soll, ich meine, der kann gerne kommen, wenn er schon draußen, äh, da ist, bitte!“ Ich ärgerte mich insgeheim gewaltig über mein eigenes, blödes Gestammel. Jedoch andererseits, so hielt ich mir zugute, war der Umstand, dass ein Bussard seit einer halben Stunde ergeben vor dem Fenster wartete und sich aus Gründen höflicher Bescheidenheit nicht ins Zimmer wagte, nicht gerade alltäglich und konnte, so meinte ich, ohne weiteres zu sprachlichen Unzulänglichkeiten, wie der von soeben, führen.
„Du kannst reinkommen, Egon!“, rief der Rabe durchs offene Fenster. Langsam und völlig verunsichert blickte ein ehrenwerter Bussardkopf ins Zimmer hinein.
„Ja, wirklich? Stör’ ich auch nicht?“ Egon schob ungeschickt seinen gewaltigen Körper neben den des Raben.
„Ganz im Gegenteil, Egon“, rief ich alkoholisiert und bereits völlig überdreht durch die sonderbaren Umstände, „kommen Sie nur, was darf ich anbieten?“
Der Rabe flüsterte Egon etwas ins Ohr. Der Bussard nickte. „Rotwein, bitte“,sagte er dann ganz leise. Ich ging in die Küche, um den Wein zu holen und fand im Kühlschrank, dem ich aus blinder Gewohnheit einen Besuch abgestattet hatte, noch ein Paar delikate Debreziner. Die sollte Egon bekommen! Als ich sie ihm fein angerichtet auf einem Teller offerierte, schien der Bussard innerlich sehr bewegt zu sein.
„Brot oder Semmel, Egon?“, fragte ich ihn.
„Semmel, bitte“, hauchte er beinahe, und der Rabe neben ihm schüttelte den Kopf. „Egon ist noch etwas ängstlich, wie ich sehe. Aber das wird sich hoffentlich bald legen. Er ist Philosoph und hat einen sehr praktischen Sinn fürs Theoretische, Sie werden sehen!“ Der Rabe sah mich weise an.
„Die Theorie ist nämlich die strukturelle Praxis des Denkbaren“, fuhr er fort, „und die Strukturen die wir den Möglichkeiten auferlegen, die wir dadurch besinnen, diese Strukturen sind wir selbst, wie wir uns eben zulassen. Punkt!“
Ich war sprachlos.
„Das, was wir sind, ist also quasi eine freiwillige Auslese. Ich positioniere dadurch mich und auch die anderen. Die Erkenntnis aus dieser Praxis wird somit auch zum Preis eines wahrscheinlichen Irrtums werden. Ihr nennt den dann auch imposant und aufgeblasen Wirklichkeit, mit der ärgerlichen Tendenz, wahr sein zu wollen. Das enorme Irrtumspotential dieser vielen kuriosen Wirklichkeiten stellt aber auch eine fruchtbare Chance in Aussicht, jedoch nur, wenn ihr versteht, es immer weniger in Anspruch zu nehmen, immer weniger und immer weniger und immer weniger und immer weniger!“ Der Rabe geriet zusehends in heilige Rage.
„Es ist wie Dünger. Ihr braucht ihn, um das Feld zu bestellen, den Boden für die kommende Ernte ertragreich zu machen, damit ja jeder genug zu fressen hat, und dann habt ihr aber Produkte, in denen überall eine Spur, eine Nuance dieser Scheiße drin ist, und das schmeckt euch. Warum? Weil die Körperlichkeit schlechthin, und speziell das durch eine physische Funktionalität determinierte Sosein, die Gattungen also, über die all eure Vollidioten stolz ihre Banner schwingen, Scheiße ist! Ihr habt panische Angst vor allem, was ihr nicht seid, vor allem, was euch fremd ist. Und dann gibt’s Krieg, der ja bekanntlich das jämmerliche Gerülpse desaströser Substrukturen ist, welche die erbärmlichen Vorstellungen ihrer vermeintlichen Vorzüge, Gattungsvorrechte sozusagen, einzementieren wollen. Dabei ist doch eh jeder alles!“ Der Rabe unterbrach und sah mich an, als wolle er meine Aufmerksamkeit überprüfen
„Alles ist da, und nichts ist fremd, außer die Gattung sich selbst. Die Angst, die ihr instinktiv vor euren eigenen Möglichkeiten habt, projiziert ihr plump, jedoch erfolgreich in das, was ihr vermeint, nicht zu sein, ins Fremde. Jedoch dieses Fremde, dieses noch Ferne seid ihr selber! Dunkel erscheint euch so ziemlich alles, weil ihr selbst feig und abstrus seid. Provinziell, könnte man auch sagen! Ihr sperrt euch also selbst ein und befindet euch somit in euerem eigenen Kerker, in eurer vermeintlich einzigartigen Wirklichkeit, auf die ihr ja so stolz seid, und für die ihr alles macht, nur nichts daraus lernen! Dabei braucht man eigentlich nur loszulassen!“ Der Rabe schüttelte sich.
 „Wer das zeitlebens nicht schafft, der stirbt dann irgendwann einmal physisch, ganz natürlich. Aber es gibt auch einen Tod durch Erkenntnis, eine extensive Häutung sozusagen! Man opfert die örtliche Beschränktheit, um entlastet, aber bereichert auf Reisen zu gehen. Eine Wanderung ins Wesentliche, das man erst ertragen muss. Man wird etwas Anderes und ist zu allem fähig. Ich zum Beispiel schaue aus wie ein Rabe und kann sprechen. Und Sie, mein Herr, verstehen das auch noch dazu! Ist das nicht großartig? Das Wesen zu sein, das man scheinbar ist, ist aber zu wenig, das reicht nicht! So, Egon wird Ihnen das erklären!“
Egon, der mittlerweile die Debreziner Würste genussvoll verzehrt hatte, dabei jedoch aufmerksam dem Raben zugehört hatte, begann nun sanft zu sprechen.
 „Jeder kennt nur seine Welt und will damit den Rest erklären. Der Rest bleibt aber immer gleich groß, weil er stets konstant ist! Wir können noch so unterschiedlich und andersartig, noch so groß oder noch so winzig sein – der Rest bleibt immer gleich groß. Wir sind nämlich Touristen, Besucher in der Zeit und eigentlich daheim in der Ewigkeit, im Rest. Das ist das eigentliche Geheimnis. In dem wir so sind, wie wir eben sind, nehmen wir dem Rest nichts, aber wir geben dem Rest unsere temporären Dienste, den tätigen Rest nämlich. Denn würde das nicht sein, was wir sind, dann würde ja genau das, was wir sind,  fehlen zum Rest, der alles ist. Wir vervollständigen sozusagen lediglich für unser Verstehen den Rest, weil wir so sind, wie wir sind. Wir kreieren uns ständig selbst!“ Der Rabe nickte zu Egons Worten. Dieser fuhr fort.
„Durch unsere Irrtümer ertasten wir die Wahrheit, genau so, wie wir durch die Zeitlichkeit die Ewigkeit, den Rest, ertasten! Das Sein ist der Rest, und der Rest ist alles! Der Rest gibt uns bereitwillig den Rest, weil wir letztlich ja selbst der Rest sind! Das Mysterium daran ist, dass wir vom Rest nehmen können, so viel wir wollen, er aber immer gleich groß sein wird. Für jeden von uns und für alle Kreaturen um uns gilt dasselbe. Wir sind zwar nicht alle gleich, da sorgt schon die missgünstige Individualität dafür, aber wir alle leben! Freilich, wer will das schon hören?“ Egon schien sich verausgabt zu haben. Er saß da mit gesenktem Haupt wie in Trance und atmete tief durch. Ich schenkte den beiden Rotwein nach, erst Egon und dann auch dem Raben. Beide tranken sofort.
„Individualität und die beiden soeben erwähnten Übergangsarten, die physisch natürliche, der Tod also, und diejenige durch Erkenntnis, die Transzendierende, stellen eine merkwürdige Dualität dar. Der Erkennende sowie der Sterbende stehen vor dem Portal, zu dem ihre Individualität sie geführt hat. Jeder stirbt, und jeder erkennt für sich allein.“ Egon sah mich entrückt an. Ich nickte sicherheitshalber. „Was danach passiert, sage ich Ihnen jetzt. Halten Sie sich bitte ganz, ganz fest an, Sie werden staunen!“, teilte er mir mit ferner Stimme in fremdrhythmischem Singsang mit.
Da ich dem Gespräch alkoholbedingt von Beginn an schon nicht besonders gut zu folgen vermocht hatte, und ich dadurch im Grunde gar nicht genau wusste, was die ganze Verrücktheit bedeuten soll, entließ ich mich aus der Runde, indem ich einschlief. Das war zugegebenermaßen den beiden dozierenden Gästen gegenüber zumindest taktlos, aber ich konnte der betäubenden Konsequenz meines bedenkenlosen Alkoholkonsums einfach nicht Herr werden. Als ich wieder erwachte, waren Egon und der Rabe, dessen Name ich nie erfuhr, verschwunden.
Heute, ein paar Jahre danach, bereue ich meinen damaligen Haltungsfehler zutiefst. Wurde denn in jenen Momenten um meine Seele gebuhlt, und bin ich dümmlich in eine satanische Falle getappt? Wahrscheinlich! Zumindest jedoch, das ist mein einzig verbliebener, schwacher Trost, verstand  ich es, mit den beiden innerhalb eines flüchtigen Augenblicks zu kommunizieren! Wer kann das schon von sich behaupten? Wem ist schon Vergleichbares widerfahren? Der Rabe und Egon suchten mich damals auf, weil sie mir offensichtlich etwas mitzuteilen hatten, und so sprachen sie dann mit mir auch als ihren Auserwählten. Sie hatten mich im Auge und ich sie! Ich schlief ein, und sie blieben wach. Sie sind fort, und ich bin da! Bis an mein Lebensende werde ich nicht nur einen Vogel haben, sondern zwei!